SPOTLIGHT 2016 – Cousins/Cousinen
Jüdisch-arabische Identitäten im postkolonialen kulturellen Diskurs

In der arabischen Kulturproduktion, allen voran in Literatur und Film lässt sich in den letzten beiden Jahrzehnten eine zunehmende Auseinandersetzung mit jüdisch-arabischen Identitäten beobachten – ein Thema, das aufgrund des palästinensisch-israelischen Konflikts innerhalb der arabischen Welt immer wieder von verschiedenen Staatsideologien entführt wurde und in Europa weitgehend aus einer hegemonialen eurozentristischen Perspektive betrachtet und dargestellt wird. Beiden Sichtweisen ist gemein, „jüdisch“ und „arabisch“ als binäre Gegensätze zu entwerfen, die auch innerhalb dichotomer Abgrenzungsstrategien wie „schwarz“ und „weiß“, „wir“ und „die Anderen“ fungieren, wie die New Yorker Kulturwissenschaftlerin Ella Shohat in ihren vielfältigen Publikationen zum Thema erörtert.
Die Filmreihe setzt sich mit historischen und aktuellen Spiel- und Dokumentarfilmen auseinander, die jüdisch-arabische Identitäten darstellen und diese als historischen Bestandteil sowohl arabischer als auch jüdischer Kultur und Erinnerung re-integrieren. Die verstärkte Auseinandersetzung mit religiösen und ethnischen Minderheiten innerhalb der arabischen Gesellschaften in den letzten Jahren ist nicht nur eine nostalgische Evokation multikultureller Vergangenheit, sondern steht in engem Zusammenhang mit postkolonialen Rekodierungsstrategien in den Bereichen von Kultur, Politik und Gesellschaft, die um die Darstellung und Erinnerung kollektiver Identitäten und historischer Ereignisse ringen. Es geht darum, blinde Flecken der offiziellen Geschichtsschreibung mit künstlerischen Mitteln einer historischen Revision zu unterziehen.
So ist der früheste Beitrag der Reihe, Youssef Chahines autobiografischer Spielfilm „Alexandria… Why?“ eine kaleidoskopische Auseinandersetzung mit den diversen internen und externen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Faktoren, die das um seine Unabhängigkeit ringende Ägypten erlebte und die weitreichende Auswirkungen auf seine Bevölkerung hatte. Nadia Kamels persönlicher Dokumentarfilm „Salata Baladi“ knüpft an dieses historische Erbe an. Einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit wirft Ferid Boughedir in seiner Komödie „Un été à la Goulette“, in der er das unbeschwerte Miteinander von Juden, Christen und Muslimen in Tunesien zelebriert, das bereits von den nahenden politischen Ereignissen überschattet wird.
Der marokkanische Spielfilm „Where are you going, Moshé“ und der Dokumentarfilm „Forget Baghdad“ des irakisch-schweizerischen Regisseurs Samir setzen sich mit den Emigrationserfahrungen und -gründen der marokkanischen und irakischen jüdischen Gemeinde auseinander, die sowohl gravierende Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Auch in Safinez Bousbias beschwingtem „El Gusto“ ist der verhängnisvolle Zusammenhang zwischen Kolonialismus, Unabhängigkeitskampf und Nationalismus die historische Hintergrunderzählung für die fünfzigjährige Trennung des aus muslimischen und jüdischen Chaabi-Musikern bestehenden Ensembles von Algiers. In ihren Dokumentarfilmen „They Were Promised the Sea“ und „Once I Entered a Garden“ begeben sich die beiden Filmemacher Kathy Wazana und Avi Mograbi jeweils in kritischer Perspektive auf eine historische Spurensuche ihrer eigenen jüdisch-arabischen Identität. Wazana beschäftigt sich dabei auch mit der Unterdrückung arabisch-stämmiger Juden in Israel, den Mizrahim, während Mograbi die Vertreibungsgeschichte seines palästinensischen Freundes von 1948 in das Narrativ seiner Geschichte integriert. Die Absurdität der territorialen, ethnischen und ideologischen Grenzziehungen wird im Kompilationsfilm „The Gulf War… What Next?“ deutlich, dessen Protagonisten den irakischen Überfall auf Kuwait sowie den anschließenden Einmarsch der US-amerikanischen Truppen im Irak als fundamentale Erschütterung aller ideologischen Gewissheiten erleben und zu einer neuen Auseinandersetzung mit Identitäten und Ideologien gezwungen sind.
Eine Podiumsdiskussion mit der Kulturwissenschaftlerin Ella Shohat,  Filmkritiker Jay Weissberg  und den Regisseuren Kathy Wazana, Nadia Kamel und Hassan Benjelloun gibt weitere Einblicke in das Thema. Der irakische Schriftsteller Ali Bader stellt in einer zweisprachigen Lesung seinen Roman „The Tobacco Keeper“ (2008) vor – die Geschichte eines multiethnischen Irak und einer schillernden Persönlichkeit.

Gefördert von Hauptstadtkulturfonds.

El-Gusto_01©ALFILM

El Gusto

Mittwoch 13.4., Sonntag 10.4., SPOTLIGHT