9. ALFILM SPOTLIGHT: Reflections on Arab Masculinities

Room for a Man

9. ALFILM, 9. ALFILM Official Selection, 9. ALFILM Spotlight, Do 12.4.18, So 15.4.18

Saken

9. ALFILM, 9. ALFILM Spotlight, Sa 14.4.18

Withered Green

9. ALFILM, 9. ALFILM Official Selection, 9. ALFILM Spotlight, Mo 16.4.18, So 15.4.18

Die Darstellung von Männlichkeit im Film ist neben ästhetischen und inhaltlichen Fragen stets an bestimmte gesellschaftliche Codes gebunden. Diese finden ihre Manifestation in der physischen und mentalen Überhöhung der Heldenfigur, die der filmischen Erzählung innewohnt. Auch das arabische Kino ist voll von diesen »Supermännern«, den zupackenden Gewerkschaftern, den galanten Männern von Welt und natürlich den schönen Prinzen, die ihre Jungfer in Not retten und schließlich in den Hafen der Ehe geleiten. Doch auch das arabische Kino hat seine ambivalenten Figuren, deren große Vorreiter stets die Komiker waren — unvergessen bleibt der große ägyptische Schauspieler Ismail Yassin mit seinen Grimassen, der in den 1950ern auch Transsexuelle spielte, oder der kleine Adel Imam, der nie zum glorreichen Helden taugte und doch die Herzen des Kinopublikums in der gesamten arabischen Welt seit den 1980ern eroberte.

Als exotisches Dekor im Hollywood-Kino der letzten Jahrzehnte jedoch wurde der arabische Mann zu einer zweifelhaften Figur. Er kam als edler Wilder oder eindimensionaler Terrorist auch auf deutsche Leinwände, als der er zunächst standardmäßig Misstrauen hervorrief. Begleitet wurde er vom Bild der unterdrückten Frau, das als ebenfalls orientalisierender Standard in Film, Literatur und öffentlichem Diskurs einen erheblichen Raum einnahm — so lange, bis arabische Frauen sich von diesem Diskurs nicht mehr repräsentiert, sondern diskriminiert fühlten, da die real existierenden sozialen Probleme auf ein geschlechtsspezifisches Missverhältnis reduziert wurden. In Deutschland hat vor allem die öffentliche Debatte um den Zuzug und die Integration von Geflüchteten neue Kontroversen eröffnet — der arabische Mann hat also ein Image-Problem.

Gleichzeitig befinden sich traditionelle Geschlechternormen und -rollen weltweit im Wandel — auch in der arabischen Welt, wie eine 2017 veröffentlichte repräsentative Studie der Organisationen UN Women und Promundo-US zeigt. Das Kino spielt in seiner regionalen Vielfalt eine wichtige Rolle, um diesen Wandel abzubilden und künstlerisch zu hinterfragen. Als Ausdruck der globalen Krise des modernen Mannes ist das arabische Kino nicht nur Spiegel, sondern vor allem Projektionsfläche der Fallstricke und Potentiale eines neuen Männerbildes.

Die Filmreihe »Reflections on Arab Masculinities« stellt eine Auswahl von 9 Spiel- und Dokumentarfilmen vor, die in verschiedenen Formen die sich wandelnden Geschlechternormen kritisch neu verhandeln und dabei Fragen nach Konzepten von Männlichkeit anhand zentraler Elemente des Rollenverständnisses stellen: der Erwerbsarbeit bzw. Fähigkeit zum materiellen Erhalt der Familie, der Sicherung des Lebensraumes als soziale und nationale Aufgabe sowie der Fähigkeit zur Reproduktion. Ausgehend von je aktuellen Debatten in der arabischen Welt um ökonomische und politische Teilhabe verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, Feminismus, Homosexualität und Selbstverwirklichung möchte die Filmreihe einen thematischen und geographischen Querschnitt dieser Debatten sowie deren Relevanz für den gesellschaftlichen Diskurs um Geschlechternormen darstellen.

Eine grundlegende Klammer bilden hier die beiden vorgestellten Spielfilme des algerischen Regisseurs Merzak Allouache: sein Omar Gatlato (1976) findet im Namensvetter in Madame Courage (2015) eine Art Wiedergänger, in der Maskulinität als Konzept in einer geschlechtergetrennten, sozial instabilen Gesellschaft zu einer leeren Haltung wird, die das jugendliche Individuum und die Gesellschaft zu zersetzen droht.

Eine unmögliche Mannwerdung im Ägypten der frühen Neunziger zwischen erwachender Sexualität, islamischem Fundamentalismus und einer korrupten Gesellschaft zeigt The Closed Doors, während The Last Friday die gesellschaftlichen Ansprüche an Männer als funktionierende Versorger auf lakonische Weise an einem gescheiterten Vater in Amman neu verhandelt.

Die Filme des Doublefeatures Majnounak und Cinema Fouad blicken zurück in den Libanon der 1990er Jahre, um männliche Sexualität, Begehren und Geschlechternormen dokumentarisch zu hinterfragen, während Room for a Man im Libanon des Heute mithilfe der Kamera eine queere Identität zwischen den Welten rekonstruiert.

Über Heldentum und Leiden erzählt der Dokumentarfilm Saken, von einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft zwischen einem gelähmten Widerstandskämpfer und seinem geduldigen Pfleger. Eine weibliche Perspektive auf eine von Männern bestimmte Gesellschaft und ihre Regeln dagegen nimmt Withered Green ein, dessen stoische Protagonistin an der Handlungsunfähigkeit der Männer zu scheitern droht, bis sie selbst die Zügel in die Hand nimmt.

Die gezeigten Filme bieten einen Einblick in das Thema, der durch Publikumsgespräche, eine Podiumsdiskussion mit den Filmemachern Merzak Allouache, Mohammad Hammad, Eliane Raheb und Mohamed Soueid sowie einen audiovisuellen Vortrag von Rasha Salti zu Geschichte und Motiven von Maskulinität im arabischen Kino weiter vertieft wird.

Die Spotlight Reihe wurde kuratiert von Claudia Jubeh und gefördert vom Berliner Senat für Kultur und Europa.