ALFILM 2018 öffnet mit Beauty and the Dogs

Gestern fand die langersehnte Eröffnungsfeier des 9. ALFILM Festivals im Kino Arsenal statt. In ihren Begrüßungsworten betonte Arsenal Vorstand Birgit Kohler die über Jahre hinweg stets gelungene Zusammenarbeit mit dem ALFILM Team und lobte das Engagement und den Enthusiasmus rund um das Festival. Auch Fadi Abdelnour, künstlerischer Leiter des ALFILM Festivals, dankte dem Arsenal für die Kooperation – als Arabisches Filmfestival habe man sich in Berlin keinen besseren Spielort für den Eröffnungsfilm Beauty and the Dogs vorstellen können. Die Eröffnungsveranstaltung sowie das gesamte Festival hätten selbstverständlich nicht ohne die tatkräftige Unterstützung der Kooperationspartner und der vielen Helfer und Helferinnen gelingen können. Fadi Abdelnour bedankte sich herzlich bei allen für ihre engagierte Arbeit vor und während des Festivals. Nach den Begrüßungsworten und Danksagungen stellte Programmleiterin Claudia Jubeh das diesjährige Programm vor. Neben der Official Selection sind dieses Jahr das Spotlight zu Reflections on Arab Masculinities, wie auch das Special zu 70 Jahren Nakba bemerkenswert. Abschließend fand Rabih El-Khoury, der für das Programm des Festivals mitverantwortlich ist, einleitende Worte zum Eröffnungsfilm Beatuy and the Dogs der Regisseurin Kaouther Ben Hania, auf den das Publikum bereits gespannt wartete. Nach dem Film bestand außerdem die Möglichkeit einer Q&A mit der Hauptdarstellerin Mariam Al Ferjani, die dem Festival beiwohnen wird.

Der Spielfilm erzählt die Geschichte einer nächtlichen Odyssee der jungen Studentin Mariam, gespielt von Mariam Al Ferjani, im nachrevolutionären Tunesien. Voll Vorfreude bereitet sich Mariam mit einer Freundin auf eine Party vor. Auf den Toiletten des Nachtclubs treffen die jungen Frauen letzte Vorbereitungen, bevor sie sich unter die ausgelassen Feiernden mischen. Beim Gang zur Garderobe erblickt Mariam den attraktiven Youssef, der lässig an einer Wand lehnt und das Geschehen beobachtet. Gemeinsam mit ihm verlässt sie zu späterer Stunde die Feier, um an den Strand zu gehen. Die beiden werden nach kurzer Zeit von der Polizei aufgegriffen und voneinander getrennt – Mariam wird von zwei Polizisten in deren Wagen gezerrt und vergewaltigt. Die grauenvolle Tat ist allerdings erst der Beginn der nächtlichen Tortur, die Mariam noch bevorsteht. Im Krankenhaus angekommen, wird sie von Arzt zu Arzt geschickt und abgelehnt, da sie ein polizeiliches Dokument brauche, um untersucht zu werden. Von Angst erfüllt, muss Mariam zurück zur Polizei, um die Bescheinigung für eine ärztliche Untersuchung zu erhalten. Das ihr diese nicht einfach ausgehändigt wird, ist selbstredend. Als selbst eine Polizistin, die als Frau in einer Männer Domäne Mariams einzige Unterstützung zu sein scheint, ihr jegliche Hilfe verweigert, wirkt Mariams Situation vollkommen aussichtslos. Die Polizisten sind wie besessen, ihr eigenes Ansehen und die Integrität ihrer Institution zu sichern. Schließlich soll sogar Mariam diejenige sein, die ins Gefängnis muss. Ohnmächtig und gedemütigt fragt Mariam, was sie getan habe – warum gerade sie diese Tragödie erleben müsse. War die Vergewaltigung denn nicht genug? Schließlich stellt sich ein älterer, etwas schlaksig wirkender Polizist auf Mariams Seite und riskiert damit Kopf und Kragen. Durch seine Hilfe kann Mariam die Polizeistation nach einer dramatischen Nacht verlassen. Benommen und den Unglauben über das Passierte ins Gesicht geschrieben, verlässt Mariam das Polizeigebäude bevor der Film endet.

Die grauenvolle Tat, die im Mittelpunkt des Filmes steht, ist keine reine Fiktion. Wie Hauptdarstellerin Mariam Al Ferjani in der anschließenden Q&A erzählt, beruhe die Geschichte auf einer wahren Begebenheit in Tunesien aus dem Jahr 2012. Wie bereitet man sich nun auf eine solch emotionale und durchaus schwierige Aufgabe als Schauspielerin vor? Al Ferjani betonte mehrmals, dass sie die Orte kennen lernen habe müssen. Sie habe eine persönliche Beziehung zu den verschiedenen Drehorten aufgebaut und habe dort oft Stunden vorher verweilt, um sich emotional in die Szene versetzen zu können. Al Ferjani sei von der Regisseurin Kaouther Ben Hania bewusst für den Film auserkoren worden, da sie eine kongeniale Besetzung für den Film gewesen sei. Eine erste Herausforderung sei es gewesen, eine Protagonistin Mariam zu kreieren, mit der die Regisseurin, die Hauptdarstellerin, aber auch das tatsächliche Opfer der Vergewaltigung aus dem Jahr 2012 zu frieden waren. Al Ferjani habe die Frau vorher nie getroffen, da sie versucht habe eine eigene Persönlichkeit um den Charakter der Hauptfigur zu spinnen. Dabei habe sich Al Ferjani nichtsdestotrotz intensiv auf die Rolle vorbereitet und die wahren Begebenheiten und Akten des damaligen Falles studiert. Wichtig sei ihr insbesondere gewesen, eine kohärente Person zu schaffen, die sich durch den gesamten Film ziehe. Das Drehen und Zeigen von Vergewaltigungsszenen habe Al Ferjani aus ethischen Gründen und Respekt gegenüber dem Opfer von Anfang an abgelehnt.

Auch die Frau, die 2012 in Tunesien tatsächlich von zwei Polizisten vergewaltigt wurde und mittlerweile in Paris lebe, habe den Film drei Mal gesehen und sei, wie Al Ferjani selbst, sehr berührt gewesen. Was die damaligen Täter betreffe, seien diese damals nicht sofort verhaftet worden. Nach mehreren Jahren Prozess seien die Vergewaltiger schlussendlich aber zu einer jeweils 15 jährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Der Film erfreue sich auch in Tunesien großer Beliebtheit und werde dort sogar im Rahmen einer Kampagne in Gefängnissen und Polizeischulen gezeigt. Leider kenne Al Ferjani die Reaktionen der Polizisten auf den Film nicht. Sicher sei sie sich aber darüber, dass der Film zum Nachdenken, vor allem über die Bedeutung der eigenen Autorität als Polizist, anrege. Sie betont, dass es gewiss schwierig sei, Gesetze zu ändern und Prozesse von einen auf den anderen Tag zu beschleunigen. Allerdings sei der Film ein wichtiger Schritt, das Thema öffentlich zu thematisieren und zu debattieren. Dabei sei das Kulturministerium der tunesischen Regierung, so Al Ferjani, überraschenderweise der wichtigste Geldgeber des Filmes gewesen. So etwas sei vor der Revolution nicht möglich gewesen, ein Wandel sei also sichtlich spürbar. Der Film erlange aber über Tunesien hinweg auch in anderen arabischen Ländern viel Aufmerksamkeit und werde unter anderem im Libanon, in Dubai, Marokko und Ägypten gezeigt.

Insgesamt war die Eröffnungsfeier des 9. ALFILM Festivals ein durchweg gelungener Abend. Der Eröffnungsfilm Beauty and the Dogs der Regisseurin Kaouther Ben Hania wurde durch die Anwesenheit der Hauptdarstellerin Mariam al-Ferjani abgerundet. Im Anschluss hatten die Gäste die Möglichkeit bei Getränken ins Gespräch zu kommen und sich über den Film auszutauschen.