Der Klassiker des arabischen Kinos Omar Gatlato mit Regisseur Merzak Allouache

Claudia Jubeh und Rabih El-Khoury begrüßten das Publikum gemeinsam zu Omar Gatlato, einem Klassiker des arabischen Kinos. Claudia Jubeh betonte, wie glücklich das Team sei, den Film nun endlich in seiner rekonstruierten Fassung in Berlin zeigen zu können. Regisseur Merzak Allouache, der der Filmvorführung beiwohnte, fügte hinzu, wie schön es sei, nahezu tot geglaubte Filme zurück zum Leben zu erwecken.

 „Omar Gatlato – it means virility, masculinity and machismo“ – Mit diesen eindringlichen Worten beginnt der Spielfilm aus dem Jahr 1976, der sich um das Leben des jungen Algeriers Omar dreht. Gemeinsam mit seiner Familie lebt der junge Mann in einem viel zu kleinen Apartment in der Hauptstadt Algiers. Omar strotzt nur vor Virilität – Gestik, Mimik und Habitus sind derart überzogen männlich, dass sich das Publikum das Lachen nicht verkneifen kann. Ein Kamm ist dabei Omars ständiger Wegbegleiter, um das Haar zu jeder Zeit in Form zu bringen. Auch Omars Sozialleben findet in einem genuin männlichen Raum statt. Frauen sieht man, so sie kein Teil der Familie sind, nur aus der Ferne. Omars große Leidenschaft gilt der Musik, sichtlich stolz ist er auf seinen Kassettenrekorder und eine kleine Auswahl verschiedener Kassetten, die er als seinen Schatz bezeichnet. Eine besondere Schwäche hat er für Bollywood Musik, die er sogar heimlich im Kino aufnimmt – „If I were a woman, I would cry when I hear it“ sagt Omar, als er von jener Musik schwärmt. Als ihm während eines Überfalls eines Tages sein Rekorder geklaut wird, ist Omar am Boden zerstört. Glücklicherweise besorgt ihm sein Freund Moh schon bald darauf ein neues Gerät mit einer geheimnisvollen Kassette. Auf dieser spricht eine ruhige Frauenstimme, die Omar gänzlich verzaubert. Als spreche sie direkt zu ihm, sehnt sich Omar danach, die Frau der Kassette persönlich kennenzulernen und sucht nach ihr. Nachdem er ihre Telefonnummer herausfindet und sich endlich mit ihr unterhält, führt er im wahrsten Sinne des Wortes einen Freudentanz auf. Als er jedoch die Chance hat, die Frau auf der Kassette kennenzulernen und sie nur wenige Meter entfernt ist, steht er sich selbst im Weg. Verunsichert von den Erwartungen an Männlichkeit und im Umgang mit Frauen, vermag es Omar nicht, Selma, die Frau der Kassette, anzusprechen.

Obwohl Omars Männlichkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten eines der Hauptthemen des Films zu sein scheinen, erzählt Regisseur Merzak Allouache in der anschließenden Q&A, dass dies nicht seine Intention gewesen sei. Allouaches Idee sei es gewesen, eine gewisse Generation einer Nachbarschaft in Algiers zu porträtieren. Sicherlich kann man hierbei ein Zitat Omars, gleich zu Beginn des Films, heranziehen: “Though based on reality, not based on reality”. Zwar handelt es sich bei dem Film um Fiktion, doch das Leben und die Probleme dieser jener Generation sind nicht völlig frei erfunden.

Da er selbst männlich sozialisiert worden sei und das Leben als Mann in Algerien kenne, sei es naheliegend gewesen, einen Mann als Protagonisten zu kreieren. Da Frauen und Männer in Algerien weitestgehend in getrennten Sphären lebten, habe Allouache es als schwer empfunden, die Perspektive einer Frau einzunehmen. Letztlich sei es ihm wichtig gewesen, die einfachen Dinge des Lebens eines Mannes zu zeigen und keine überaus verzwickte Geschichte um Omar zu schaffen. Nichtsdestotrotz zeige der Film natürlich, dass Omar, der symbolisch für den algerischen Mann stehe, in Algerien Schwierigkeiten habe, sich Frauen anzunähern. Diese sieht er meistens nur hinter Fenstern, wie die schöne Zheira, die er täglich beobachtet oder in Kassetten, wie Selma – Teil des Alltages seien sie aber nicht.

Der Film wurde viel in Algerien gezeigt, das erste Publikum sei dabei das Kulturministerium gewesen. Dieses habe den Film gelobt, da er endlich ein Film sei, der nicht von Krieg und Befreiung handle. Nicht verstanden habe das Ministerium den Namen Gatlato, was zu Deutsch „Sie haben ihn getötet“ bedeutet. Moniert habe das Ministerium außerdem das viele Bier, das im Film konsumiert werde.