Eröffnungsfilm des Spotlights Reflections on Arab Masculinities

 

Am Donnerstag, den 12.04.18 lud das ALFILM Festival zur Eröffnung des diesjährigen SPOTLIGHT Programmes Reflections on Arab Masculinities ein. Die gut besuchte Veranstaltung wurde durch Programmleiterin Claudia Jubeh eröffnet. Die Idee, über arabische Männlichkeiten im Film zu reflektieren, habe schon seit geraumer Zeit bestanden. In deutschen Diskursen, die einen Blick auf Geschlechterverhältnisse in arabischen Ländern werfen, nehme zumeist die Frau eine exponierte Stellung ein. Wie aber konstruiert sich Maskulinität und vor welchen Problemen stehen Männer in der arabischen Welt?  ALFILM habe sich, so Claudia Jubeh, vor die Herausforderung gestellt, sich dem Thema arabischer Männlichkeiten aus einem kinematographischen Blick zu nähern und zu betrachten, wie verschiedene Regisseure Maskulinität wahrnehmen. Zur großen Freude des Publikums war der Regisseur Anthony Chidiac des Spotlight Eröffnungsfilms Room for a Man zur Filmvorführung und einer Q&A anwesend.

 

© Katja Volkenant

Chidiacs Room for a Man ist prädestiniert für das diesjährige Spotlight Programm. Der Dokumentarfilm des jungen Regisseurs ist das intime Selbstporträt eines jungen Mannes, der als gelesener Mann auf der Suche nach seiner individuellen, queeren Identität und seinem Platz in der Gesellschaft ist. Einen großen Raum in Chidiacs Leben nimmt, wie im Film deutlich wird, seine Mutter ein. Das Verhältnis zu der oft gouvernantenhaft anmutenden Frau wirkt ambivalent. Mal mehr, mal weniger klar bringt sie vor allem eines zum Ausdruck –  Anthony sei kein richtiger Mann. Um viril zu sein und von anderen gefürchtet zu werden, müsse er schon mit richtigen Männern Zeit verbringen.

Im weiteren Verlauf des Filmes interviewt Chidiac verschiedene Männer. Dabei wird vor allem eines ersichtlich – es gibt nicht den einen arabischen Mann, sondern vor allem verschiedene arabische Männlichkeiten, die durch unterschiedliche Geschichten geprägt wurden. So Anthonys Onkel, der seine Abneigung bezüglich Anthonys Homosexualität kundtut. Anthonys Familie sei, so der Onkel, durchzogen von wichtigen (männlichen) Persönlichkeiten. Anthony könne, im übertragenen Sinne, nicht verwelken und die Familienehre beschmutzen – schon gar nicht als letzter männlicher Nachkomme.

Indes halten sich während des Umbaus des Jugendzimmers Anthonys mehrere syrische Bauarbeiter in der Wohnung auf. In den Interviews dieser Bauarbeiter manifestieren sich abermals unterschiedliche Bilder von Männlichkeit. Die jungen Syrer erzählen von unterschiedlichen Träumen, Erwartungen an die Zukunft und die Schwierigkeiten, vor denen sie als Syrer im Libanon stehen. Zugleich zeigt sich aber auch, welche Rolle das Schwadronieren über die eigene Muskelkraft und Gewalt in der Konstruktion von Männlichkeit spielt.

Abschließend wendet sich Chidiac seinem Vater zu, der die meiste Zeit seines Lebens absent war. Der in Argentinien lebende Vater strahlt das Bild eines Lebemannes aus, von dem sein Sohn bitter enttäuscht zu sein scheint. Auch er teilt seinem Sohn implizit mit, dass er männlicher sein könnte, ihm mehr ähneln könnte, wäre er in dessen Leben präsenter gewesen.

Zwischen all diesen verschiedenen Männlichkeiten und einer starken Mutter versucht Chidiac letztlich seinen eigenen Platz zu finden. Er selbst scheint sich nicht als Mann zu identifizieren. Gleich zweimal bringt er im Film ausdrücklich zur Geltung, dass er weder ein Mann, noch eine Frau sei. Ob er seinen Platz im Libanon zu finden vermag, bezweifle er stark – mehrmals tritt der Wunsch zutage, das Land verlassen zu wollen.

In der anschließenden Q&A erzählte Anthony Chidiac zunächst über die Herangehensweise an dieses private Selbstporträt. Begonnen habe der Film damit, dass er den Alltag mit seiner Mutter gefilmt habe. Irgendwann habe er Bauarbeiten am Nachbargebäude beobachtet und sei deshalb auf die Idee gekommen, auch Bauarbeiter für seinen Film zu interviewen. Alle Szenen und Interviews des Films seien ohne Skript und vollkommen natürlich aufgenommen worden. Die Einbindung der Bauarbeiter sei schnell von statten gegangen, problematisch sei nur gewesen, sie nicht ständig von ihrer eigentlichen Arbeit abzuhalten. Chidiac habe die Möglichkeit gehabt, die wirklichen Charaktere hinter den starken Männern kennenzulernen und habe viele Parallelen zu sich selbst entdeckt. Demnach wollten alle den Libanon verlassen und möglichst in Europa Fuß fassen, alle verbärgen eine sensible, schwache Seite und fühlten sich verloren in der Gesellschaft. Eine kritische Anmerkung seitens des Publikums bezüglich der syrischen Bauarbeiter betraf die oftmalige Sexualisierung Geflüchteter im Kino generell. Chidiac allerdings widersprach dem und meinte, er habe versucht, ein Porträt der libanesischen Gesellschaft zu zeichnen, die ihn in seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgebe.

Auch die Annäherung an seinen Vater sei ungeplant geschehen. Anthony hätte nur sehr spärlichen Kontakt zu seinem Vater gehabt und habe Hilfe für eine spanische Übersetzung gebraucht. Erst auf diesem Weg sei der Vater in den Film gelangt. Insgesamt bezeichnete Chidiac seine Familie in der Q&A als Belastung – er fühle sich nur wenig verbunden zu ihnen. Jahrelang habe er auf Veränderung gehofft, doch lägen die Wurzeln dieser Werte zu tief, um daran zu rütteln.

Abschließend erklärte Chidiac das Zustandekommen des Voice Overs, dessen Idee erst in der Postproduktion aufgekommen sei. Er sei der Meinung gewesen, mit wenigen zusätzlichen Worten einige Gefühle noch deutlicher zum Ausdruck bringen zu können. Da er sich mit einer femininen Stimme als Mittel des Ausdrucks seines Charakters am wohlsten gefühlt habe, sei die Stimme einer guten Freundin des Regisseurs als Voice Over verwendet worden.

Der Film hatte nach Screenings in Montreal und Griechenland beim 9. ALFILM Festival seine Deutschlandpremiere – auch im Libanon soll der Film bald gezeigt werden.