„For an Invisible People, Camera Would be Their Weapon” – Vortrag und Diskussion mit Mohannad Yaqubi und Irit Neidhardt

Im Rahmen des ALFILM Specials zu 70 Jahren Nakba fand am Dienstag eine Lecture im Studio des Wolf Kinos statt. Regisseur und Produzent Mohannad Yaqubi gab in seinem Vortrag mit dem Arbeitstitel „Chronology of Dissapearence“ einen Einblick über das Verschwinden des palästinensischen Volkes von der Bildfläche. Politikwissenschaftlerin Irit Neidhardt sprach in ihrem Vortrag „On Solidarity and Dependency – The beginnings of PLO-GDR filmmaking in the 1970s“ über das Verhältnis der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zur DDR. Künstlerischer Leiter des ALFILM Festivals Fadi Abdelnour begrüßte die beiden herzlich und gab eine kurze Einführung in das Thema, bevor die beiden Referenten das Wort ergriffen.

 

© Emelie Kucharzik

 

Den Beginn des sukzessiven Verschwindens der Palästinenser markiere, so Mohannad Yaqubi, die Festlegung Jerusalems als Zentrum der christlichen Welt. Um dies zu verdeutlichen, zeigte er dem Publikum das bekannte Bild des christlichen Theologen Heinrich Bünting aus dem Jahr 1581, in dem die Welt als ein Kleeblatt dargestellt ist, dessen Zentrum die heilige Stadt Jerusalem bildet.

Eine erste filmische Aufnahme sei 1896 durch die Lumière Brothers entstanden, die einen aus Jerusalem hinausfahrenden Zug filmten. Eine entscheidende Rolle im Prozess, Palästina auf die Leinwand zu bringen, habe die Kirche gespielt. Diese habe versucht, ihr in die Jahre gekommenes Image durch Film und Fotographie Produktionen zu überholen – das heilige Land als Motiv sei hoch im Kurs gestanden.

Den beträchtlichsten Einfluss auf das Verschwinden des Palästinensischen Volkes von der Bildfläche hätten laut Yaqubi die modernen Technologien geleistet, die auch vor Palästina keinen Halt gemacht hätten. Für viele Menschen aus dem Westen hätten diese modernen Maschinen allerdings nicht in die vermeintlich romantische Illusion des historischen, biblischen Palästinas gepasst. Yaqubi exemplifiziert dies an dem französischen Schriftsteller Pierre Loti, dessen anachronistischer, orientalistischer Vorstellung Palästinas ein fahrendes Auto gänzlich zuwidergelaufen sei. Grundsätzlich hätten moderne Technologien und westliche Kleidung der Palästinenser in Film und Fernsehen für große Verwirrung beim westlichen Publikum gesorgt. Obwohl eine moderne Gesellschaft evident gewesen sei, sei diese schlichtweg ignoriert worden.

1948 habe augenscheinlich einen Wendepunkt für die Palästinenser dargestellt. Zumeist gebe es, auch heute, nur Erinnerungen an die prä-1948 oder post-1948 Zeit – die Erinnerungen an 1948 selbst seien aber wie bei einem Trauma nur noch schemenhaft vorhanden. 1948 habe das Verschwinden der Palästinenser seinen traurigen Kulminationspunkt erreicht. In vielen Medien sei nicht einmal mehr von Palästinensern die Rede gewesen, sondern lediglich von arabischen Geflüchteten.

Um ein palästinensisches Narrativ zu regenerieren und Widerstand zu leisten, sei die Kamera als Waffe eingesetzt worden. Zu einem beliebten Motiv habe sich alsbald das Bild des Fida’is, eines palästinensischen Widerstandskämpfers, entwickelt. Die Zeitung The Times habe bald darauf „Who are the Palestinians?“ getitelt. Das Bild der entsprechenden Zeitung sei ein verhüllter Palästinenser gewesen, was abermals zu einer gewissen Mystifizierung des palästinensischen Volkes beigetragen habe. Indes habe es sich in Palästina und den angrenzenden Ländern Libanon, Syrien und Jordanien immer mehr zu einem Trend entwickelt, sich als Fida’i ablichten zu lassen.

Abschließend konstatiert Yaqubi, dass das palästinensische Volk heute vor der selben Frage wie 1948 stehe – Wer sind wir? Um diese Frage zu beantworten sei, so Yaqubi, eine vollständige Chronologie, ein holistisches Narrativ unabdingbar.

Irit Neidhardt berichtete in ihrem Vortrag über die Beziehungen der PLO und der DDR in den 1970er Jahren. Die PLO sei in den 1960er Jahren von der Arabischen Liga gegründet worden, 1974 von den Vereinten Nationen und kurz darauf von rund 100 Staaten als offizielle Vertretung des palästinensischen Volkes anerkannt worden. Die PLO sei nunmehr handlungsfähig gewesen und habe die Palästinenser auf internationaler Ebene repräsentiert. Man könne sich die PLO als eine Art Dachorganisation vorstellen, die quasi staatliche Strukturen in Form von Versteuerung und Rentenversicherungen angenommen habe. Es habe also Strukturen, ohne allerdings einen Staat zu haben, gegeben. Die palästinensische Befreiungsorganisation sei durchaus gut organisiert gewesen und habe in der DDR eine bedeutende Partnerin gefunden. Zu dieser Partnerschaft hätten gewisse Analogien zwischen DDR und PLO beigetragen, sagt Neidhardt. Auch die DDR sei international nicht vollkommen anerkannt, isoliert und marginalisiert gewesen. Die BRD habe es als einen Affront empfunden, wenn andere Staaten Abkommen mit der verfeindeten DDR unterzeichnet hätten und habe mit dem Entzug aller finanziellen Unterstützungen gedroht. Nichtsdestotrotz hätten 5 Staaten, Irak, Syrien, Ägypten, Algerien und der Kongo, mit der sogenannten Hallstein Doktrin gebrochen. Sodann hätten auch rund weitere 100 Staaten die DDR anerkannt, die 1973 schließlich einen Sitz in den Vereinten Nationen erhalten habe. Die DDR habe nun dringend Kooperationen oder Abkommen gebraucht, die sie auf internationaler Ebene stark hätten repräsentieren können. Vor allem zu Syrien habe die DDR intensive Beziehungen gepflegt. Gleichzeitig habe sich in Syrien der Hauptsitz der DFLP sowie des Kultur- und Informationsministeriums der PLO etabliert. Letzteres habe unteranderem die Verantwortung für Filmaustausch und das Fernsehen getragen. Der Vorsitzende dieses Ministeriums sei der der Baath Partei angehörende Abdullah Hurani gewesen. Da Hurani durch seine Arbeit in Syrien die Arbeit mit und Strukturen der DDR gekannt habe, sei er einer der Hauptverantwortlichen für die engen Beziehungen der DDR und der PLO gewesen. Er habe genau gewusst, was die DDR brauche – insbesondere Geld in Form von Dollar. Zu Gunsten der DDR sei das Kulturministerium der PLO zu jener Zeit von der marxistisch-leninistischen Partei geführt worden, was die Beziehungen zusätzlich unterstützt habe. Schon bald darauf sei eine palästinensische Delegation in Berlin eingetroffen und habe zwei Interessen verfolgt. Man habe ein Co-Produktionsabkommen angestrebt und habe eigene Filmstudios eröffnen wollen – letztere seien aber nie erbaut worden. Der erste entstandene Film sei schließlich eine Archiv Kompilation gewesen, dessen Images aus dem staatlichen Film Archiv der DDR gestammt hätten. Die PLO habe durch ihren Vertrag mit der DDR Zugang zu sämtlichem Material bekommen, das allen anderen palästinensischen Organisationen bisher verwehrt geblieben sei. Dies habe der PLO die Möglichkeit gegeben, endlich ein eigenes palästinensisches Narrativ durch Film zu kreieren. Die DDR ihrerseits habe die Zahlungen der PLO erhalten, die sie dringend benötigte habe – außerdem habe das Verhältnis mit der PLO Zutritt und Beziehungen zu vielen weiteren arabischen Staaten geöffnet. Die Kooperation der PLO und der DDR habe sich aber schließlich nicht nur auf Film reduziert – während des Bürgerkrieges im Libanon im Jahr 1975 zum Beispiel, habe die DDR sogar eine entscheidende Rolle als Mediatorin zwischen den verschiedenen PLO Fraktionen gespielt.

Zum Abschluss zeigte Irit Neidhardt einen deutsch-palästinensischen Dokumentarfilm aus den 70er Jahren, der aus der Kooperation der DDR mit der PLO entstand. Dieser habe 1975 das Leipziger Dokumentarfilmfestival gewonnen.