Those Who Remain mit Regisseurin Eliane Raheb

 

Mit Those Who Remain wurde an diesem Freitagabend ein Dokumentarfilm der libanesischen Regisseurin Eliane Raheb gezeigt, der beim Publikum auf großen Anklang stoß. Mehrmals erfüllte ein schallendes Gelächter den Raum, wenn Bauer Haykal wieder einmal fluchte. Regisseurin Eliane Raheb und Rabih El-Khoury des ALFILM Festivals leiteten gemeinsam in die Filmvorstellung ein. Raheb freue sich, dem Festival beiwohnen zu können und sei gespannt auf Reaktionen des Publikums.

In ihrem Dokumentarfilm begleitet und porträtiert Raheb den Bauern und Restaurantbetreiber Haykal, der in einem abgelegenen Dorf im Norden Libanons, nur 10 Kilometer zur syrischen Grenze, lebt. Die Region liegt in den Bergen und ist, vor allem im Winter, nur schwer zugänglich. Sinnbildlich für die Abgeschiedenheit dieses Landstriches stehe, wie Haykal erklärt, der Name Al-Shambouk, der aus dem französischen Champs de Bouc, Feld der Ziegen, abgeleitet sei – denn nur Ziegen habe es hier früher gegeben.

Der immerzu Pfeife rauchende Haykal wird von der Dokumentarfilmerin in seinem Alltag begleitet, der vor allem aus der Bewirtschaftung seines Landes besteht – ob beim Sägen von Pfirsichbäumen, der Apfelernte, dem Ausbau seines Hauses oder dem Bewirten von Gästen. Wenn er nicht gerade zur Freude des Publikums wild um sich flucht, hat der doch herzliche Landwirt immer eine trockene Antwort auf Rahebs Fragen parat. Auch Haykal spüre die Ausmaße des Bürgerkrieges in Syrien, das von dem Berg, auf dem er wohnt, in Sichtweite ist. Haykal hadere vor allem mit den fallenden Preisen für Obst, das eine wichtige Einnahmequelle für ihn sei.

Neben seiner Arbeit lernt man Haykal allmählich persönlich kennen – hinter dem oft etwas schroff wirkenden Bauern verbirgt sich ein einsamer Mann. Haykal erzählt, dass er in einer Familie mit 8 Kindern aufgewachsen sei. Auf die Frage Rahebs, warum er Haykal (zu Deutsch Tempel) heiße, hat er prompt die passende Antwort parat: Alles was er in seinem täglichen Leben baue, ähnele einem Tempel. Eigentlich habe der Name aber einen christlich-maronitischen Ursprung, der auf Jesus Vorstellung im Tempel beruhe. Als Kind habe Haykal zunächst davon geträumt Tierarzt zu werden, später Pilot. Der Bürgerkrieg 1975 habe seine Träume allerdings konterkariert, das ganze Land, so Haykal, sei auseinandergebrochen. Sinniert Haykal über seine Vergangenheit und den Libanon, spürt man eine tiefsitzende Enttäuschung. An späterer Stelle hält Haykal fest, dass der Libanon sich immer im Krieg befunden habe, Frieden habe es nie wirklich gegeben.

Die wohl intimsten Einblicke erlaubt Haykal, wenn er von seiner Familie erzählt. Seine Frau Barbara habe ihn verlassen und sei mit den vier Kindern an einen unbekannten Ort verschwunden. Ihr habe dieses einfache Leben schlichtweg nicht gereicht, sie habe die Welt sehen wollen. Wäre er nicht so stark gewesen, erzählt Haykal rührend, wäre er daran gewiss zerbrochen. Die Kinder lebten mittlerweile verteilt im Libanon und in Deutschland und besuchten ihn ab und an. Die Hoffnung Haykals aber, dass Barbara und seine Kinder irgendwann doch wieder endgültig zu ihm zurückkehren, ist offensichtlich. Neben dem oft ungewollt witzigen, aber vor allem nach außen hin stark wirkenden Mann, ist Haykal also zugleich eine zutiefst verletzte und verlassene Person. Die wohl engste Bezugsperson ist Ruwaida, die ihn seit nunmehr 13 Jahren bei seiner Arbeit unterstützt. Auch Ruwaida ist ein einzigartiger Charakter, der dem Film zusätzlichen Charme verleiht. So habe sie Nägel auf die Straße geworfen, um den LKW-Fahrern, die durch den aufwirbelnden Staub ihre Apfelernte verdorben hätten, das Leben schwerer zu machen. Ruwaida schildert der Dokumentarfilmerin, dass sie Haykal wie einen Vater betrachte – er sei für sie da gewesen, als ihre Familie sie verstoßen habe. Das Verhältnis der beiden ist ein unterhaltsames Spektakel, geprägt von Zuneigung, wie von gegenseitigem Verfluchen. Doch sei insbesondere Ruwaida, so Haykal, das Herz und Leben dieses Ortes.

In der nach dem Film stattfindenden Q&A erzählt Raheb zunächst, wie sie auf die Idee des Filmes gekommen sei. Sie habe nach einem simplen Charakter gesucht, der aber doch in einen komplexeren Zusammenhang eingebettet war. Sie habe eine Auszeit gebraucht, um ihr persönliches Verhältnis mit dem Libanon zu überdenken. Haykal habe sie schließlich sehr an ihren eigenen Großvater erinnert, der als Landwirt im Süden Libanons gearbeitet habe. In gewisser Weise sei der Film laut Raheb auch ein Tribut an Menschen wie ihren Großvater und Haykal. Haykal selbst habe sie beim Wandern in den Bergen durch Zufall kennengelernt und habe in seinem Restaurant gegessen. Bevor sie aber mit dem Film begonnen habe, habe sie Haykal viele Male besucht und Recherche betrieben. Ziel sei es gewesen, dort nicht mehr als Fremde wahrgenommen zu werden, sondern Teil der Gemeinschaft zu sein, um einen möglichst authentischen Film drehen zu können. Einen Beitrag dazu habe auch die kleine Crew von nur 5 bis 6 Leuten geleistet, da Haykal das Team in seinem Handeln irgendwann nicht mehr wahrgenommen habe. Insgesamt sei der Film in 12 Tagen, über 3 Jahreszeiten hinweg gedreht worden.

Interessiert war das Publikum vor allem an Haykals Familie. Dennoch erzählt Raheb verständlicherweise nicht viel, da sie Haykal eine gewisse Diskretion schuldig sei. Barbara allerdings sei Deutsche, geboren im Libanon. Die Kinder besuchten ihn nur sehr spärlich und auch Raheb spüre Haykals Hoffnung, seine Frau und Kinder bald wieder auf seinem Hof begrüßen zu dürfen.

Haykal und das Dorf hätten sich sehr über den Film gefreut. Alle gemeinsam hätten sie eine Vorstellung in Haykals Restaurant organisiert. Sichtlich amüsiert war das Publikum, als Raheb verriet, dass Haykal am Silvester Abend 40 Leute in seinem Restaurant empfangen und als DJ für großartige Unterhaltung gesorgt habe.